Christian Dressel bau von Drehorgeln
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Drehorgeln mit einer MIDI-Steuerung

 

 

 

 Bei dieser Überschrift kräuseln sich schon bei manchen die Nackenhaare. Doch warum eigentlich?
Ich habe schon mit vielen Drehorgelspielern darüber gesprochen. Manche sind sehr interessiert andere hingegen gehen sofort in eine Abwehrhaltung und erklären, dass es sich dann ja gar nicht mehr um eine Drehorgel handelt, wenn sie mit einem Chip spielt. Bei diesen Gesprächen musste ich feststellen, dass oft einiges durcheinander geworfen wird. So wurde zum Beispiel das Dateiformat MIDI mit MP3 verwechselt und so mancher suchte die Lautsprecher in meiner Orgel. Bei Anmeldungen auf Orgelfesten wurde mir gesagt, dass ich auf keinen Fall von einem Chip spielen darf. Auf meine Frage, welche Technik damit gemeint sei, konnte mir allerdings keiner eine Antwort gegeben. So bekam ich mehr und mehr den Eindruck, dass einige gar nicht wissen, gegen welche Technik sie da eigentlich sind und was dahintersteckt.

 

Was verbirgt sich also hinter einer MIDI-gesteuerten Drehorgel?

Bei einer Drehorgel die mit einer MIDI-Elektronik angesteuert wird werden die Löcher nicht durch ein Lochband freigegeben damit sich das Ventil öffnet, sondern durch ein Elektroventil. Das kann man sich wie der Finger auf einer Blockflöte vorstellen, der das Loch öffnet und schließt. Bei einer Drehorgel mit 20 Tonstufen braucht man dann also auch 20 Elektroventile. Diese Elektroventile werden von einer Elektronik angesteuert. So wird der Wind in einer MIDI Orgel auch durch den Balg erzeugt und die Pfeifen sind für die Tonerzeugung verantwortlich. Das Prinzip Loch auf oder Loch zu, damit ein Ton erklingt, ist also das selbe. Nur einmal macht es das Lochband und einmal das Elektroventil. Gespeichert werden bei meiner Elektronik die MIDI-Dateien auf einer handelsüblichen 2GB SD-Speicherkarte wie sie auch in einer digitalen Fotokamera zum Einsatz kommt.

Auf dieser Speicherkarte können hunderte MIDI-Files in verschiedenen Unterordnern gespeichert werden. Über Taster kann man nun das gewünschte Stück aussuchen, das dann auch im Display angezeigt wird. Meine Orgel ist mit einem Sensor für die Kurbel ausgestattet. Dieses ermöglicht mir, dass ich unterschiedliche Geschwindigkeiten spielen kann, abhängig davon, wie schnell ich die Kurbel drehe.

Weiterhin gibt es viele Einstellmöglichkeiten in der Elektronik, die ich über das Display auswählen kann. Ich habe zwei 20er-Orgeln mit einer MIDI-Steuerung. Beide sind zusätzlich mit einem Funkmodul ausgestattet. 

Diese Technik erlaubt nun das   Zusammenspiel beider Orgeln über Funk. Das macht einen riesigen Spaß!

Ich selber spiele auch gerne Notenbänder und bin fasziniert davon, wie toll diese Technik ganz ohne Strom funktioniert. Doch wirklich praktisch ist das nicht. Möchte ich das dritte Stück auf der Rolle spielen, so muss ich zuvor die beiden ersten Stücke auch spielen. Meine Bauchorgel hat nur eine MIDI-Steuerung. Aus Gewichtsgründen habe ich die Mechanik für das Abspielen von Notenbändern eingespart. Nicht nur die Mechanik hätte zusätzliches Gewicht bedeutet, auch die Notenrollen hätte ich dann wahrscheinlich in einem Rucksack mit mir tragen müssen. Das ergibt meiner Ansicht nach, beim Stand der heutigen Technik, keinen Sinn. Die Bauchorgel wiegt nur 7,6 kg und kann somit wirklich mit einem Riemen um die Schulter lange gespielt werden.

 

Ich habe einmal in einem YouTube Video gesehen wie ein älterer Herr, sitzend vor einem Klavier, und ablesend von Noten mit einer Lochstanze die Musik in das Papier stanzte. Hut ab! Wer kann das heute noch?

 
Es ist doch eigentlich verrückt: Heute werden die Musikstücke mit einem PC und toller Software arrangiert. Wenn das geschehen ist, werden mit einer computergesteuerten Lochstanze die Löcher in das Papier gestanzt um anschließend, wie vor 100 Jahren, damit spielen zu können.

 

Ich habe schon einige alte Walzenorgeln gesehen und gehört. Sicherlich wäre es bei diesen Instrumenten absolut unangemessen, sie mit einer MIDI-Steuerung zu versehen. Es sind wunderbare alte Instrumente, die im Originalzustand erhalten werden sollten. Doch leben wir nicht mehr im 18. Jahrhundert, sondern im 20. Jahrhundert mit ganz anderen technischen Möglichkeiten.  Daher finde ich, dass in einer neu gebauten modernen Drehorgel eine MIDI-Steuerung durchaus angemessen ist. Wir kaufen uns ja auch nicht ein neues Auto, um es mit einem Holzvergaser zu betreiben.

 

Bei meinem Besuch auf dem Orgelfest in Waldkirch hat mich mein 14-jähriger Sohn begleitet. Er spielt selber gerne Drehorgel und fängt an neue Stücke am PC für sie zu arrangieren. Leider mussten wir feststellen, dass seine Altersklasse auf solchen Festen überhaupt nicht vertreten ist. Bis auf einige Ausnahmen ist das Drehorgelspielen wohl eher was für die Altersklasse der Rentner. Wenn wir wollen, dass sich auch jüngere Menschen für dieses schöne Hobby begeistern, dann müssen wir uns auch für neue Techniken öffnen.

 

Solange der Balg den Wind erzeugt und die Pfeifen angesteuert von den Ventilen die Töne erzeugen, ist es für mich eine richtige Drehorgel! Es gibt bei beiden Systemen der Ansteuerung nur zwei Befehle und die sind „Loch auf“ oder „Loch zu“.


Ob mit oder ohne eine MIDI-Steuerung, ich wünsche allen allzeit einen „guten Dreh“.